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L3: Künstlerischer Zugang, Formale Einteilung, Kartographischer Planungsprozess - Skript

Künstlerischer Zugang zur Kartographie

Die dritte Vorlesungseinheit beginnt mit einem Perspektivenwechsel. Nachdem in den ersten beiden Einheiten die wissenschaftlichen Paradigmen der Kartographie besprochen wurden - von der Formalwissenschaft über die Kommunikationswissenschaft bis hin zur Geovisualisierung - widmet sich dieser Abschnitt der Frage, was Kunst zur Kartographie beitragen kann.

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Den Einstieg macht ein Beispiel einer interaktiven Webkarte: Calling 311 in New York City. Diese Karte zeigt die Anzahl an Beschwerden (Complaints) in den Jahren 2022 bis 2025 in verschiedenen Kategorien wie Lärm, Parkverstöße, Heizungsprobleme, Nagetiere und illegale Müllentsorgung. Nutzerinnen und Nutzer können Kreise auf die Karte ziehen, um Beschwerden in einem bestimmten Radius zu erkunden. Der Focus Radius lässt sich stufenlos einstellen. Dieses Beispiel zeigt, wie eine Karte weit mehr sein kann als eine statische Darstellung: Sie wird zu einem interaktiven Werkzeug, das Neugier weckt und zum Erkunden einlädt.

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Slide 64 formuliert die zentrale These dieses Abschnitts. Ribeiro, Melo und Caquard schreiben 2018 in ihrem Beitrag "Cartography and Art" im Geographic Information Science & Technology Body of Knowledge: "Karten dienen nicht nur als Werkzeug zur Orientierung, wenn man verloren geht, sondern können auch Kunstwerke sein, in denen man sich verlieren kann." Damit kritisieren sie den rein funktionalen Zugang zur Kartographie, bei dem wissenschaftliche Karten oft als "steriles Transportmittel" für räumliche Information betrachtet werden. Standardisierte digitale Prozesse führen häufig zu langweiligen Ergebnissen. Dabei gilt: Karten können nur dann "funktionieren", wenn sie die nötige Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Kunst und Wissenschaft sind keine Gegensätze, sondern eine scheinbare Dichotomie. Die Zusammenarbeit von Künstlern und Wissenschaftlern bringt oft besonders gute Ergebnisse hervor.

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Ein herausragendes Beispiel für diese Verschmelzung von Kunst und Kartographie ist die Panoramakarte des Yellowstone National Park von Heinrich Berann (*1915 in Innsbruck, gestorben 1999 in Lans, Tirol). Berann war ein österreichischer Panoramakartograph, der mit seinen handgemalten Gebirgspanoramen weltberühmt wurde. Seine Arbeit vereint topographische Genauigkeit mit künstlerischer Gestaltung - die Berge wirken plastisch und lebendig, die Farben betonen die Vegetation und die Geländeformen. Berann wird uns später im Zusammenhang mit Marie Tharp noch einmal begegnen.

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Weitere Beispiele für den künstlerischen Zugang zeigen Slides 66 und 67. Links auf Slide 66 sieht man Here & There, eine perspektivische Stadtkarte von New York City, die Manhattan als dreidimensionales Modell darstellt - von Brooklyn aus gesehen. Die Karte bricht mit der konventionellen Draufsicht und bietet stattdessen eine subjektive, erlebbare Perspektive. Rechts daneben: New York's Smelliest Blocks (Summer 2011), eine Karte, die Gerüche in Manhattan kartiert. Verschiedene Geruchskategorien - von "Garbage Juice" über "Bread/Pastry" bis hin zu "Cheap Perfume" - werden mit illustrativen Symbolen dargestellt. Hier wird ein Sinneseindruck kartographisch aufbereitet, der normalerweise nicht Gegenstand konventioneller Karten ist.

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Die Portland Finger Plans von Ryan Sullivan (2012) verwenden die Form einer Hand, um die Stadtstruktur von Portland darzustellen. Die Finger repräsentieren Stadtteile und Brücken. Die Karte ist gleichzeitig informativ und visuell einprägsam - ein Beispiel dafür, wie unkonventionelle Formen die Kartographie bereichern können.

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Ein besonders ungewöhnliches Beispiel kommt aus Österreich: ESFE.at druckt Karten auf Unterwäsche. Auf Slide 68 sieht man Unterwäsche mit Kartendarstellungen des Hochkönig-Gebiets und des Liebeseck. Ob man das als ernst gemeinte Kartographie betrachtet oder als humorvolle Provokation - es zeigt, dass Karten auf den verschiedensten Medien und in den verschiedensten Kontexten funktionieren können.

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Das letzte Beispiel in diesem Cluster stammt aus dem Atlas of Design 3: "The Magnificent Bears of the Glorious Nation of Finland" von Annukka Mäkijärvi (2016). Diese Karte zeigt die Bärenpopulation Finnlands, wobei jeder Bär als Illustration dargestellt wird. Die Größe und Farbe der Bären codieren Daten über die Populationsdichte. Diese Karte ist gleichzeitig eine statistische Darstellung und ein Kunstwerk. Sie zieht Aufmerksamkeit auf sich, weckt Neugier und kommuniziert dennoch quantitative Information.

Die Botschaft dieses Clusters ist klar: Der künstlerische Zugang zur Kartographie ist das sechste und jüngste Paradigma der Kartographie. Es steht nicht im Widerspruch zu den anderen Paradigmen, sondern ergänzt sie. Karten, die ästhetisch ansprechend gestaltet sind, erreichen ihr Publikum besser.


Paradigmen-Zusammenfassung und Marie Tharp

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Mit Slide 70 fasst die Vorlesung alle sechs Paradigmen der Kartographie zusammen, die über die ersten drei Vorlesungseinheiten hinweg eingeführt wurden. Diese Zusammenfassung ist prüfungsrelevant - Altfrage 1 der Prüfung vom Juni 2024 fragt explizit nach den Unterschieden zwischen den Paradigmen.

Die sechs Paradigmen sind:

  1. Kartographie als Formalwissenschaft: Die Karte wird als mathematisch-geometrisches Konstrukt verstanden. Im Vordergrund stehen Projektionslehre, Maßstab und Generalisierung.

  2. Kartographie als Kommunikationswissenschaft: Die Karte wird als Medium betrachtet, das eine Botschaft vom Kartographen zum Kartenleser transportiert. Das Kommunikationsmodell (Sender-Kanal-Empfänger) steht im Zentrum.

  3. Kartographie als Sozialwissenschaft (kritische Kartographie): Karten sind nicht neutral, sondern Ausdruck von Machtverhältnissen. Wer kartiert was, für wen und mit welcher Absicht? Die kritische Kartographie hinterfragt die vermeintliche Objektivität von Karten.

  4. Geovisualisierung und Geovisual Analytics: Karten dienen als Hypothesengenerator - sie helfen, Muster in Daten zu entdecken, die man vorher nicht kannte. Der Fokus liegt auf der explorativen Analyse, nicht auf der Kommunikation fertiger Ergebnisse.

  5. Digitale Karten als Interaktionsschnittstelle zwischen realer und virtueller Welt: Karten werden zum Interface, über das Menschen mit raumbezogenen Informationen interagieren - auf Smartphones, in Navigationssystemen, in Augmented-Reality-Anwendungen.

  6. Künstlerischer Zugang zur Kartographie: Karten als Kunstwerke, die ästhetischen Anspruch mit Informationsvermittlung verbinden.

Entscheidend ist: Sämtliche Zugänge und Betrachtungsweisen existieren parallel. Es gibt keine lineare Abfolge, bei der ein Paradigma das vorherige ablöst. Vielmehr ergänzen sich die Perspektiven und bereichern das Verständnis dessen, was eine Karte sein kann.

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Die Vorlesung schließt den paradigmatischen Bogen mit einer bemerkenswerten Persönlichkeit: Marie Tharp (1920 in Michigan, gestorben 2006). Tharp war eine amerikanische Geologin und Kartographin, die den Meeresboden des Atlantischen Ozeans kartierte. Auf Slide 71 sieht man links ein Porträtfoto von Tharp und rechts ihre bathymetrischen Profile des Atlantiks. Aus Echolot-Messungen (Tiefenprofile entlang zweier Transekte A und B zwischen 39 Grad West und 34 Grad West) zeichnete sie Querschnitte des Meeresbodens. Dabei entdeckte sie den Mittelatlantischen Rücken* - einen gewaltigen unterseeischen Gebirgszug, der den Atlantik von Nord nach Süd durchzieht. Ihre Beobachtung eines zentralen Grabens (Rift Valley) im Rücken lieferte einen entscheidenden Beweis für die Theorie der Plattentektonik.

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Slide 72 zeigt links ein Foto von Tharp und ihrem Kollegen Bruce C. Heezen bei der Arbeit an den Meeresbodenkarten. Rechts sieht man die berühmte Karte "Atlantic Ocean" von Heezen und Tharp aus dem Jahr 1957. Diese Karte war die erste detaillierte Darstellung des atlantischen Meeresbodens und zeigte erstmals die gesamte Ausdehnung des Mittelatlantischen Rückens.

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Die künstlerische Umsetzung der wissenschaftlichen Daten übernahm Heinrich Cesar Berann (*1915 in Innsbruck, gestorben 1999) - derselbe Panoramakartograph, der auch die Yellowstone-Karte gemalt hatte. Slide 73 zeigt links die Karte "Atlantic Ocean Floor" aus dem National Geographic von 1968, eine Gemeinschaftsarbeit von Heezen, Tharp und Berann. Rechts sieht man eine Detailansicht, die die plastische Darstellung des Meeresbodens zeigt - mit unterseeischen Gebirgszügen, Abyssal Plains und Tiefseegräben. Berann verlieh den wissenschaftlichen Daten eine visuelle Kraft, die sie für ein breites Publikum zugänglich machte.

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Den Höhepunkt dieser Zusammenarbeit zeigt Slide 74: die World Ocean Floor Map von 1977, erstellt von Berann, Heezen und Tharp. Diese Weltkarte des Meeresbodens ist ein Meisterwerk der kartographischen Kunst und Wissenschaft. Sie zeigt das gesamte System der mittelozeanischen Rücken, die Subduktionszonen und Tiefseegräben - und wurde zur ikonischen Darstellung der Plattentektonik. Die Geschichte von Marie Tharp verbindet mehrere Paradigmen: die formalwissenschaftliche Genauigkeit der Vermessung, die kommunikative Kraft der Visualisierung und den künstlerischen Zugang, der die Daten erst wirklich lebendig machte.


Formale Einteilung thematischer Karten

Dieser Abschnitt bildet den Kern der dritten Vorlesungseinheit und ist der umfangreichste und prüfungsrelevanteste Teil. Thematische Karten lassen sich nach verschiedenen formalen Kriterien einteilen. Die Vorlesung unterscheidet sieben Hauptkriterien plus ein achtes Kriterium (Medium/Interaktivität), die im Folgenden einzeln besprochen werden.

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Slide 75 gibt einen Überblick über die sieben Kriterien der formalen Einteilung thematischer Karten: Thema bzw. Inhalt, Maßstab, Skalenniveau der Aussage, Komplexität der Darstellung, Lagebezug, Zeitbezug, Art des Zeichensystems und Medium/Interaktivität. Diese Kriterien sind nicht alternativ, sondern ergänzend zu verstehen - jede thematische Karte kann anhand aller Kriterien gleichzeitig charakterisiert werden.

Kriterium 1: Thematischer Inhalt

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Das naheliegendste Einteilungskriterium ist der thematische Inhalt der Karte. Dabei gibt es zwei Ansätze der Kategorisierung:

Einerseits kann man Karten nach Teilgebieten der Geographie einteilen: Verkehrskarten, Wirtschaftskarten, Bevölkerungskarten, Bodenkarten, geologische Karten, klimatologische Karten und viele weitere. Auf Slide 76 sieht man als Beispiel die digitale Bodenkarte von eBOD (bodenkarte.at) - sie zeigt Bodenformen mit Profilschnitten, Bodentypen und Wasserverhältnisse und ist damit klar den Bodenkarten zuzuordnen.

Andererseits kann man Karten nach ihrem Verwendungszweck einteilen: Seekarten (für die Navigation auf dem Wasser), Katasterkarten (für die Grundstücksverwaltung), Wanderkarten (für die Freizeitnutzung), Luftfahrtkarten (für die Flugnavigation), Flächenwidmungspläne (für die Raumplanung) und viele mehr. Diese Einteilung richtet sich nicht nach dem Inhalt, sondern nach der Frage, wofür die Karte eingesetzt wird.

Kriterium 2: Maßstab

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Der Maßstab ist ein weiteres grundlegendes Einteilungskriterium. Thematische Karten werden in vier Maßstabskategorien eingeteilt:

Kleinmaßstäbige Karten haben einen Maßstab von 1:500.000 und kleiner (also z.B. 1:1.000.000). Sie zeigen große Gebiete - ganze Länder, Kontinente oder die gesamte Erde - mit entsprechend geringem Detailgrad. Auf Slide 77 sieht man rechts oben eine solche kleinmaßstäbige Darstellung: eine Karte im Maßstab 1:500.000, die ein ganzes Bundesland überblickt.

Der mittlere Maßstabsbereich umfasst Karten von ca. 1:100.000 bis 1:500.000. Hier sieht man größere Regionen mit moderatem Detail - Bezirke, Landkreise oder Teile von Bundesländern.

Großmaßstäbige Karten haben einen Maßstab von ca. 1:10.000 bis 1:100.000. Im Beispiel auf Slide 77 sieht man rechts in der Mitte eine Karte im Maßstab 1:50.000, die bereits einzelne Ortschaften und Straßen erkennen lässt.

Thematische Plankarten haben einen Maßstab größer als 1:10.000 und zeigen kleine Gebiete in großem Detail - einzelne Stadtteile, Baugebiete oder Grundstücke.

Für topographische Karten gelten zusätzlich folgende Regeln: Bei Maßstäben größer als 1:25.000 spricht man von Grundrisstreue - Gebäude und Objekte werden lagetreu im Grundriss dargestellt. Im Bereich von 1:25.000 bis ca. 1:200.000 herrscht Lagetreue - die Position stimmt, aber die Darstellung ist bereits generalisiert. Bei Maßstäben kleiner als 1:200.000 spricht man nur noch von Raumtreue - die räumliche Anordnung bleibt erkennbar, aber einzelne Objekte werden stark abstrahiert.

Kriterium 3: Skalenniveau der Aussage

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Das Skalenniveau der Aussage ist ein besonders prüfungsrelevantes Kriterium. Die Altfrage 5 der Prüfung vom Juni 2024 verlangt explizit, Skalenniveaus anhand von Beispielen zu nennen. Es geht um die Frage, ob eine Karte qualitative oder quantitative Information darstellt.

Qualitative thematische Karten beantworten Fragen nach dem allgemeinen Typ bzw. der Kategorie eines Phänomens - also die Frage "Welcher Typ oder welche Kategorie liegt an dieser Stelle vor?". Das Beispiel auf Slide 78 links zeigt eine Landnutzungskarte von Baden-Württemberg: Hier werden nominale Kategorien dargestellt - dichte Siedlung, Industrie, lockere Siedlung, Ackerland, Obstplantage, Grünland, Brachland, vegetationslose Flächen, Intensivgrünland, Extensivgrünland, Laubwald, Mischwald, Nadelwald, Wasserflächen und Feuchtflächen. Man kann feststellen, welche Nutzung an einer bestimmten Stelle vorliegt, aber man kann die Kategorien nicht in eine sinnvolle Reihenfolge bringen - Ackerland ist nicht "mehr" oder "weniger" als Wald. Das Skalenniveau ist hier nominal.

Quantitative thematische Karten beantworten Fragen nach dem Ausmaß eines Phänomens - also "Wie viel gibt es an dieser Stelle?". Das Beispiel rechts auf Slide 78 zeigt eine Bevölkerungsverteilungskarte von Brandenburg (Einwohner 1995). Hier werden absolute Einwohnerzahlen durch die Größe von Männchen-Symbolen dargestellt und relative Einwohnerdichten (Farbintensität der Flächen) gezeigt. Die dargestellte Zahl kann eine absolute Größe sein (z.B. 104.000 Personen in einem Landkreis) oder eine relative Größe (z.B. Einwohner pro Quadratkilometer). Das Skalenniveau ist hier metrisch (Verhältnisskala).

Wichtig ist: Mischformen innerhalb einer Karte sind möglich. Die Brandenburg-Karte auf Slide 78 kombiniert beispielsweise qualitative Elemente (die Grenzen der Verwaltungseinheiten) mit quantitativen Elementen (die Größe der Symbole und die Farbintensität).

Kriterium 4: Komplexität der Darstellung

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Das vierte Kriterium betrifft die Komplexität der Darstellung. Hier gibt es zwei unabhängige Unterscheidungen, die oft miteinander verwechselt werden:

Die erste Unterscheidung betrifft die Anzahl der Signaturenschichten. Einschichtige Karten beschränken sich in ihrem Inhalt auf eine einzige thematische Signaturenschicht. Ein Beispiel wäre eine Karte des mittleren Jahresniederschlags, die nur Isolinien zeigt. Der Vorteil: einfache Lesbarkeit und Verständlichkeit. Mehrschichtige Karten überlagern verschiedene thematische Signaturenschichten - beispielsweise mittlere Niederschlagsmenge als Isolinien und gleichzeitig landwirtschaftlich genutzte Flächen als Flächenfarbton. Der Vorteil: mehr Information auf einer Karte, aber die Komplexität steigt deutlich.

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Die zweite Unterscheidung betrifft die Anzahl der dargestellten Variablen. Analytische (univariate) Karten stellen ein einzelnes Thema dar. Auf Slide 80 links sieht man ein Beispiel: eine Karte des mittleren jährlichen Niederschlags (Mean Annual Rainfall) für Israel und Umgebung. Es wird genau eine Variable dargestellt. Komplexe (multivariate) Karten stellen zwei oder mehrere Themen gleichzeitig dar. Das Beispiel rechts auf Slide 80 zeigt eine Karte der Gesundheitsdivisionen in Europa, die verschiedene Indikatoren (Sterblichkeitsraten, Altersverteilung, regionale Gliederung) überlagert.

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Eine besondere Form sind synthetische Karten. Hier werden mehrere Themen nicht einfach überlagert, sondern zu neuen Typen zusammengefasst und dann kartiert. Das Beispiel auf Slide 81 zeigt eine Karte der "Siedlungsstrukturellen Gemeindetypen 2008" für Deutschland. Die Kategorien - Agglomerationsräume (Kernstädte, hochverdichtete Kreise, verdichtete Kreise, ländliche Kreise), verstädterte Räume und ländliche Räume - sind Synthesen aus mehreren Einzelvariablen (Einwohnerzahl, Bevölkerungsdichte, Urbanisierungsgrad). Jeder Gemeindetyp fasst mehrere Dimensionen zu einem qualitativen Typ zusammen.

Kriterium 5: Lagebezug

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Das fünfte Kriterium ist der Lagebezug - also die Art und Weise, wie die thematische Information räumlich verortet wird. Hier gibt es vier grundlegende Typen:

Die thematische Karte (im engeren Sinne) hat einen ausgeprägten Lagebezug. In den meisten Fällen dient eine topographische Karte oder einzelne topographische Schichten als Hintergrundinformation. Auf dieser sogenannten Grundkarte (englisch: Base Map) wird das eigentliche Thema in seiner dem Maßstab entsprechend "treuen" Lage dargestellt. Das Beispiel oben rechts auf Slide 82 zeigt dies anschaulich: Die topographische Karte Österreichs im Maßstab 1:50.000 dient als Grundlage, auf die eine geologische Karte im selben Maßstab gelegt wird.

Das Kartogramm (auch Flächenkartogramm) verfolgt ein anderes Aussageziel. Es vermittelt die Ergebnisse statistischer Zählungen und Messungen in ihrem georäumlichen Kontext. Die tatsächliche Verbreitung eines Themas stimmt dabei häufig nicht mit der dargestellten Bezugsfläche überein. Das Beispiel unten auf Slide 82 zeigt den "Anteil des Ackerlandes an der landwirtschaftlich genutzten Fläche" als Flächenkartogramm - die Darstellung erfolgt nach administrativen Bezugsflächen (Gemeinden, Bezirke), wobei die tatsächliche Verteilung des Ackerlandes innerhalb dieser Flächen natürlich nicht homogen ist. Der Wert wird vereinfacht der gesamten Bezugsfläche zugewiesen.

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Das Kartodiagramm (auch Diakartogramm genannt) besteht aus räumlich angeordneten Diagrammen. Es ermöglicht den Vergleich mehrerer inhaltlich zusammenhängender Werte pro Bezugsfläche. Der Zusammenhang kann sachlich oder zeitlich sein. Auf Slide 83 sieht man ein Beispiel: "Daten zur Landwirtschaft Italiens 1990". Für jede Region Italiens werden Balken- und Kreisdiagramme dargestellt, die den Anteil der Betriebsgrößen, den Anteil landwirtschaftlicher Betriebe und die Agrarproduktion zeigen. Kartodiagramme werden oft in Kombination mit Flächenfarbe (als Flächenkartogramm im Hintergrund) verwendet. Ihr Nachteil: Sie benötigen viel Platz, weshalb sie sich nicht für zu viele Raumeinheiten eignen.

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Die Flächenanamorphosekarte - auf Englisch "cartogram", was nicht mit dem deutschen Begriff "Kartogramm" verwechselt werden darf - ist eine besondere Darstellungsform. Hier werden die Bezugsflächen (z.B. Länder) proportional zu einem thematischen Attribut skaliert. Ein Land mit vielen Geburten (wie auf Slide 84 gezeigt: "Total Births 2022") wird flächenmäßig vergrößert, ein Land mit wenigen Geburten verkleinert. Die Nachbarschaftsbeziehungen bleiben erkennbar, aber die geometrische Form und Lage der Länder wird stark verzerrt. Das kann zu einem weitgehenden Verlust des räumlichen Lagebezugs führen - der Preis für eine intuitive Darstellung quantitativer Unterschiede.

Kriterium 6: Zeitlicher Bezug

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Das sechste Kriterium betrifft den zeitlichen Bezug einer Karte. Grundsätzlich gibt es zwei Möglichkeiten:

Statische Karten beziehen sich auf einen bestimmten Zeitpunkt. Sie zeigen den Zustand zu einem fixen Zeitpunkt - beispielsweise die Bevölkerungsverteilung am 1. Januar 2024 oder die Landnutzung im Sommer 2020. Die meisten konventionellen Karten sind statisch.

Dynamische Karten beziehen sich auf ein Zeitintervall und stellen zeitabhängige Veränderungen von räumlichen Sachverhalten dar - zum Beispiel das Verkehrsaufkommen im Tagesverlauf, Tierwanderungen über Monate oder den Rückgang von Gletscherständen über Jahrzehnte.

Für die Darstellung zeitlicher Veränderungen gibt es mehrere Techniken. Die bekannteste sind Small Multiples: eine Serie gleich aufgebauter Karten, die jeweils einen Zeitpunkt zeigen und nebeneinander angeordnet werden. Auf Slide 85 sieht man das Beispiel "Growth of Walmart" - die Ausbreitung von Walmart-Filialen in den USA wird über viele Zeitschnitte hinweg als Kartenserie dargestellt. Jede Einzelkarte zeigt einen Zeitpunkt, und durch das Nebeneinanderlegen wird die räumliche Expansion sichtbar. Alternativ können zeitliche Veränderungen als Animation dargestellt werden, also als Abfolge von Kartenbildern in zeitlicher Reihenfolge. Rechts auf Slide 85 sieht man ein Beispiel einer Wetterkarte von wetter.orf.at.

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Eine besondere Form der dynamischen Darstellung ist die Zeitanamorphose. Hier wird der Raum nicht nach geographischer Entfernung, sondern nach Reisezeit skaliert. Slide 86 zeigt eine reisezeitskalierte Karte der Schweiz für den öffentlichen Verkehr im Jahr 2000 (Axhausen/Hurni 2005). Der Raum wird so verzerrt, dass Orte, die per öffentlichem Verkehr schnell erreichbar sind, näher zusammenrücken, während schlecht angebundene Orte weiter auseinanderliegen. Das Ergebnis ist eine verzerrte Schweiz, in der das dichte Eisenbahnnetz im Mittelland die Distanzen schrumpfen lässt, während abgelegene Alpentäler weiter entfernt erscheinen. Rechts unten auf Slide 86 sieht man zum Vergleich eine geometrisch korrekte Referenzkarte.

Kriterium 7: Art des Zeichensystems

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Das siebte Kriterium betrifft die Art des Zeichensystems - also die Frage, mit welchen graphischen Mitteln die thematische Information dargestellt wird. Slide 87 zeigt dies am Beispiel der Bevölkerungsverteilung, die mit verschiedenen Zeichensystemen dargestellt werden kann:

Die größenproportionale Punktsignatur (auch Flächenzeichenkarte) verwendet Kreise oder andere Symbole, deren Größe proportional zum dargestellten Wert ist. Auf Slide 87 links oben sieht man Kreise in den Größen 10.000, 50.000 und 100.000, die in den Bezirksflächen Österreichs platziert sind.

Das Flächenkartogramm (auch Choroplethenkarte, englisch: Choropleth Map) färbt administrative Bezugsflächen entsprechend einer Klassenbildung ein. Auf Slide 87 rechts oben sieht man die Einwohnerdichte pro Quadratkilometer in Klassen von 21-44 bis 141-2171, dargestellt durch unterschiedliche Farbtöne.

Die Punktedichtekarte (Dot Density Map) platziert gleichwertige Punkte innerhalb der Bezugsflächen, wobei ein Punkt einem festen Wert entspricht (im Beispiel: 1 Punkt = 3000 Einwohner). Die Dichte der Punkte vermittelt visuell die räumliche Verteilung.

Daneben gibt es viele weitere Möglichkeiten: die Punktstreuungskarte, die Isoplethenkarte (die Linien gleicher Werte zeigt, ähnlich Höhenlinien), die dasymetrische Karte (die Zusatzinformationen nutzt, um die Verteilung innerhalb von Bezugsflächen realistischer darzustellen) und die Heatmap (die kontinuierliche Dichteschätzungen als Farbverlauf darstellt). Die Wahl des Zeichensystems hat enormen Einfluss auf die Wirkung und Interpretation einer Karte - dasselbe Thema kann je nach Darstellungsform völlig unterschiedlich wahrgenommen werden.

Kriterium 8: Medium und Interaktivität

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Das achte und letzte Einteilungskriterium betrifft das Medium und den Grad der Interaktivität. Slide 88 zeigt drei verschiedene Medien nebeneinander: links eine interaktive Webkarte auf einem PC-Display (Illinois Public Health Community Map mit Dashboards, Diagrammen und Filterfunktionen), in der Mitte eine gedruckte Papierkarte (Alpenvereinskarte Hochkönig/Hagengebirge) und rechts eine Smartphone-App mit Kartenanzeige. Jedes Medium hat eigene Stärken und Einschränkungen, die den Gestaltungsprozess grundlegend beeinflussen.

Zusammenfassung: Formale Einteilung anwenden

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Slide 89 zeigt ein konkretes Übungsbeispiel. Die Karte "Einwohner in Brandenburg 1995" soll anhand der formalen Kriterien eingeordnet werden. Man soll bestimmen: den thematischen Inhalt (Bevölkerung), das Skalenniveau der Aussage (quantitativ - sowohl absolut als auch relativ), die Komplexität der Darstellung (komplex, mehrschichtig - Männchensymbole und Flächenfarbe), den Lagebezug (Kartogramm und Kartodiagramm gleichzeitig), den zeitlichen Aspekt (statisch - ein Zeitpunkt, 1995) und das Medium (in diesem Fall Papier oder digitale Projektion). Diese Art der Analyse ist ein typisches Prüfungsformat.


Kartographischer Planungsprozess

Der letzte Abschnitt der Vorlesung widmet sich dem kartographischen Planungsprozess - also der systematischen Vorgehensweise bei der Erstellung einer thematischen Karte.

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Slide 90 stellt die fünf Schritte des kartographischen Planungsprozesses nach Slocum (2023) vor:

Schritt 1 umfasst die Überlegungen zur räumlichen Charakteristik des zu kartierenden Themas, zum Datenniveau und zu einer adäquaten Darstellung. Dies wird als kartographische Modellierung bezeichnet. Man fragt sich: Sind die Daten punktuell, linear oder flächenhaft? Sind sie qualitativ oder quantitativ? Welches Skalenniveau haben sie? Welche Darstellungsform ist angemessen?

In Schritt 2 geht es um Überlegungen zu Kartenzweck, Kontext und Zielgruppe. Für wen wird die Karte erstellt? In welchem Kontext wird sie verwendet? Was soll sie kommunizieren?

Schritt 3 betrifft das Erheben, Sammeln bzw. Zusammenstellen von Daten in Abhängigkeit von Kartenzweck und Zielmedium. Die Datenerhebung orientiert sich am Zweck der Karte.

In Schritt 4 wird die Karte entworfen - hier fließen alle vorherigen Überlegungen in die konkrete graphische Gestaltung ein.

Schritt 5 ist die Evaluation und gegebenenfalls die Wiederholung von Schritt 4. Der Prozess ist also iterativ - man prüft das Ergebnis und überarbeitet es bei Bedarf.

Kartenzweck, Kontext und Zielgruppe

Slide 91

Slide 91 verdeutlicht die Bedeutung von Kartenzweck und Zielgruppe anhand eines anschaulichen Kontrastes. Links sieht man eine Baustelle mit einem technischen Lageplan - eine Karte, die für Bauingenieure und Arbeiter konzipiert ist, mit präzisen Maßen, technischen Symbolen und detaillierten Planeinträgen. Rechts daneben eine Wanderkarte, die im selben Gebiet verortet sein könnte, aber für Freizeitnutzer gestaltet ist - mit Wanderwegen, Höhenlinien, Gasthäusern und Aussichtspunkten. Beide Karten zeigen denselben Raum, sind aber für völlig unterschiedliche Zwecke und Zielgruppen optimiert.

Medienvergleich

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Slide 92 stellt die verschiedenen Medien gegenüber: PC-Display, Papier, Smartphone und Projektion/Präsentation/Fernsehen. Für die Wahl des richtigen Mediums müssen zahlreiche Überlegungen angestellt werden:

Die grafische Auflösung und optische Dichte variiert stark zwischen den Medien. Ein hochauflösender Druck auf Papier kann deutlich mehr Feindetails zeigen als ein Smartphone-Display. Die Größe der Kartenfläche bestimmt, wie viel Information dargestellt werden kann - ein Smartphone-Bildschirm ist erheblich kleiner als ein Plakat oder ein PC-Monitor. Die Aktualisierbarkeit ist bei digitalen Medien grundsätzlich einfacher als bei gedruckten Karten. Die Distributionskosten sind bei digitalen Medien geringer, während Papierkarten Druck- und Versandkosten verursachen. Der Farbeinsatz kann bei Druck durch die Drucktechnik limitiert sein, während Bildschirme einen größeren Farbraum darstellen können. Dynamik und Interaktion sind nur bei digitalen Medien möglich - Papierkarten sind immer statisch. Die Betrachtungsdauer unterscheidet sich: Eine Projektion wird nur kurz gezeigt, eine Papierkarte kann beliebig lang studiert werden. Die Maßstabsgebundenheit betrifft Papierkarten (fester Maßstab), während digitale Karten frei zoombar sind. Die Technologiegebundenheit ist ein Risiko digitaler Medien - ohne Strom kein Bildschirm. Die Kontextadaptivität (Anpassung an Position und Nutzer) ist ein Vorteil von Smartphone-Karten.

Die zentrale Regel lautet: Eine Karte muss immer für das geplante Endmedium entwickelt werden. Eine Karte, die für den Druck auf A3-Papier optimiert ist, funktioniert nicht automatisch auf einem Smartphone - und umgekehrt.

Beispiele digitaler Geoportale

Slide 93

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Slides 93 und 94 zeigen das österreichische Geoportal geoland.at - das Geoportal der österreichischen Länder. Man sieht eine interaktive Kartenanwendung mit verschiedenen thematischen Layern (Verwaltungsgrenzen, Naturschutz, Kultur, Bildung, Schulen, Raumordnung, Wald, Wasser, Digitaler Kataster des BEV). Die Karte zeigt Schulstandorte in verschiedenen Kategorien (Hauptschulen, Sonderschulen, Polytechnische Schulen, AHS, Technisch-gewerbliche Schulen etc.) als farbige Punktsymbole auf einer topographischen Grundkarte. Unten sieht man eine neuere Version mit der Basemap, bei der die Koordinatenanzeige (EPSG: 31287) und der aktuelle Maßstab (1:193.950) sichtbar sind.

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Slide 95 zeigt das Schweizer Geoportal map.geo.admin.ch in einer 3D-Darstellung. Man sieht Gebäude als dreidimensionale Modelle, Wanderwege, ÖV-Haltestellen und historische Kartenwerke (Zeitreise-Kartenwerke). Dieses Portal bietet die Möglichkeit, zwischen 2D- und 3D-Ansicht zu wechseln, verschiedene Kartenebenen ein- und auszublenden und den Geokatalog nach Themen zu durchsuchen. Es ist ein Beispiel für ein modernes, multimediales kartographisches Produkt, das die Möglichkeiten digitaler Medien voll ausschöpft - mit Interaktivität, 3D-Darstellung und kontextadaptiven Funktionen.

Der kartographische Planungsprozess nach Slocum bildet damit den Rahmen, in dem alle zuvor besprochenen formalen Einteilungskriterien zusammenfließen. Die Entscheidung über Zeichensystem, Maßstab, Komplexität und Medium ist keine isolierte Wahl, sondern ergibt sich aus dem systematischen Durchlaufen der fünf Planungsschritte - immer orientiert am Kartenzweck, der Zielgruppe und dem vorgesehenen Endmedium.