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L2: Kartographische Paradigmen II, Kritische Kartographie, Geovisualisierung - Skript

Kartographisches Kommunikationsmodell (Kolacny)

Die erste große Frage, die sich die Kartographie als Wissenschaft stellen musste, war: Was passiert eigentlich, wenn jemand eine Karte liest? Ist das ein passiver Vorgang, bei dem Information einfach "ankommt" - oder steckt mehr dahinter? In den späten 1960er Jahren formulierte der tschechische Kartograph Antonin Kolacny (1969) ein Modell, das Kartographie erstmals als Kommunikationsprozess beschrieb. Dieses Modell ist bis heute ein Referenzpunkt in der kartographischen Theorie und bildet eines der drei großen Paradigmen, die in der Prüfung abgefragt werden.

Slide 33

Auf Slide 33 sieht man das Modell in vereinfachter Form. Links steht der Kartograph, rechts der Kartenleser, und in der Mitte befindet sich die Karte als Kommunikationsmedium. Beide - Kartograph und Kartenleser - haben eine eigene Weltsicht, die von der realen Welt beeinflusst wird. Der Kartograph wählt aus der Realität bestimmte Aspekte aus, die ihm relevant erscheinen, und überträgt sie in kartographische Ausdrucksformen. Er entwickelt dafür ein Zeichensystem - also Symbole, Farben, Linien und Beschriftungen, die bestimmte Sachverhalte repräsentieren sollen. Dieser Vorgang wird als Kodierung bezeichnet. Auf der anderen Seite steht der Kartenleser, der dieses Zeichensystem dekodiert - also die kartographischen Ausdrucksformen interpretiert und daraus seine eigene Vorstellung der dargestellten Realität ableitet.

Der entscheidende Punkt: Die Weltsicht des Kartographen und die Weltsicht des Kartenlesers stimmen nicht notwendigerweise überein. Der Kartograph denkt sich etwa: "Das Thema XY ist interessant. Da wähle ich die mir am wichtigsten Aspekte aus." Der Kartenleser hingegen interpretiert: "Aha, so ist das also mit XY. Da werde ich in Zukunft anders handeln." Zwischen beiden Weltsichten liegt die Karte als Vermittlerin, und die Qualität der Kommunikation hängt davon ab, wie gut die Kodierung des Kartographen mit der Dekodierung des Kartenlesers zusammenpasst.

Slide 34

Slide 34 illustriert das Konzept der zielgruppenorientierten Kommunikation anhand eines konkreten Beispiels. Links sieht man eine Kinderkarte von Afrika - bunt, mit Tierillustrationen, vereinfachten Küstenlinien und spielerischen Texten. Rechts daneben eine klassische geographische Karte von Afrika für Erwachsene - mit Höhenschichten, Ländergrenzen und Städtenamen. Beide Karten zeigen denselben Kontinent, aber sie kommunizieren auf fundamental verschiedene Weise, weil sie für unterschiedliche Zielgruppen gestaltet sind. Die Kinderkarte reduziert Komplexität und betont visuelle Attraktivität, die Erwachsenenkarte maximiert Informationsdichte und geographische Genauigkeit.

Slide 35

Slide 35 fasst die Kernaussagen des Kommunikationsmodells zusammen. Im Mittelpunkt steht der Kartenleser - nicht die Karte selbst und nicht der Kartograph. Vor allem in den USA entwickelte sich in diesem Paradigma eine starke Verbindung zur Wahrnehmungspsychologie: Wie sehen wir eigentlich? Wie verarbeiten wir visuelle Reize? Die Suche gilt der jeweils optimalen Karte zur Vermittlung eines bestimmten Sachverhaltes an eine bestimmte Zielgruppe. Eine effektive kartographische Kommunikation ist dann gegeben, wenn die vermittelte raumbezogene "Botschaft" vom Kartenleser möglichst einfach und richtig aufgenommen werden kann.

Das Kommunikationsmodell hat allerdings auch Grenzen. Für manche Anwendungsgebiete und Funktionen von Karten ist es kein geeignetes Modell - etwa wenn Karten nicht primär der Vermittlung bekannter Sachverhalte dienen, sondern als Werkzeug zur Entdeckung neuer Muster eingesetzt werden. Diese Kritik führt später zum Paradigma der Geovisualisierung.

Slide 36

Slide 36 enthält ein Zitat von Beryl Markham aus "West with the Night" (1942), das die suggestive Kraft von Karten einfängt: "A map says to you, 'Read me carefully, follow me closely, doubt me not.' It says, 'I am the earth in the palm of your hand. Without me, you are alone and lost.'" Dieses Zitat leitet zur nächsten Frage über: Darf man Karten tatsächlich so vertrauen, wie sie es von uns verlangen?


Kritische Kartographie

Das zweite große Paradigma stellt genau diese Vertrauensfrage. Die Kritische Kartographie (Critical Cartography) entstand in den 1980er Jahren und hinterfragt die vermeintliche Objektivität von Karten grundlegend. Während das Kommunikationsmodell fragt "Wie können wir Karten besser machen?", fragt die Kritische Kartographie "Wessen Interessen dient diese Karte?" - und das ist ein fundamentaler Perspektivwechsel. Dieses Paradigma ist prüfungsrelevant, insbesondere in der Abgrenzung zum Kommunikationsmodell und zur Geovisualisierung.

Slide 37

Slide 37 beginnt mit einem scheinbar harmlosen Beispiel: Kirchensymbole in einer topographischen Karte. Links sieht man einen Ausschnitt einer topographischen Karte mit verschiedenen Symbolen für Kirchen - große Kirche, Kirche mit zwei Türmen, Kapelle. Rechts daneben ein Luftbild derselben Stelle. Die Kartensymbole sind Abstraktionen der Realität. Aber schon diese Abstraktion ist eine Entscheidung: Welche Kirchen werden dargestellt? Welche nicht? Nach welchen Kriterien? Und warum werden Kirchen überhaupt eigens symbolisiert, während andere Gebäude nur als graue Flächen erscheinen?

Slide 38

Slide 38 zeigt eine Doppelseite aus dem Kozenn-Schulatlas, einem in Österreich weit verbreiteten Schulatlas. Auch Schulatlanten sind Produkte bestimmter Entscheidungen - welche Regionen werden gezeigt, welche Projektionen verwendet, welche Themen betont? Die Art, wie Schülerinnen und Schüler die Welt kennenlernen, wird durch solche Atlanten mitgeprägt.

Slide 39

Slide 39 zeigt das Konzept von Karten als politisches Instrument anhand des berühmten Oberlin-Beispiels. Die kleine Stadt Oberlin in den USA wird in drei verschiedenen Karten dargestellt, die jeweils denselben Stadtraum zeigen, aber völlig verschiedene Geschichten erzählen. Die erste Karte zeigt "Property Values" (Grundstückswerte) - hohe Werte hell, niedrige dunkel. Die zweite zeigt "Density of Businesses" (Geschäftsdichte). Die dritte zeigt "% African American" (Anteil afroamerikanischer Bevölkerung). Legt man alle drei übereinander, wird ein Muster sichtbar, das keine einzelne Karte allein zeigen würde. Karten mit einer gezielten Überzeugungsabsicht nennt man Persuasive Maps.

Die grundlegenden wissenschaftlichen Artikel zur Kritischen Kartographie stammen von Denis Wood und John Fels - "Design on Signs/Myth and Meaning in Maps" in Cartographica (1986) - sowie von J. Brian Harley - "Deconstructing the Map" in Cartographica (1989). Harley argumentierte, dass Karten niemals neutrale Abbilder der Realität sind, sondern immer in Machtverhältnisse eingebettet sind. Jede Karte wählt aus, betont, vereinfacht und verschweigt - und diese Entscheidungen sind politisch.

Slide 40

Slide 40 liefert ein aktuelles und eindrückliches Beispiel dafür, dass Karten Weltbilder reproduzieren. Drei Google-Maps-Darstellungen der Krim-Halbinsel werden nebeneinander gezeigt: Die linke Darstellung - vermutlich die Version für westliche Nutzer - zeigt die Krim als Teil der Ukraine. Die mittlere und rechte Darstellung zeigen subtile Unterschiede in der Grenzziehung und Beschriftung. Je nachdem, von welchem Land aus man Google Maps aufruft, kann die politische Zugehörigkeit der Krim unterschiedlich dargestellt werden. Karten sind also nicht nur von ihren Machern abhängig, sondern auch von ihrem Nutzungskontext.

Slide 41

Slide 42

Slides 41 und 42 vertiefen dieses Thema am Beispiel des Ukraine-Konflikts 2022. Drei verschiedene Medien - der deutsche Tagesspiegel, die New York Times und die russische Komsomolskaja Prawda - zeigen die militärische Situation am 13. März 2022. Der Tagesspiegel (Slide 41 oben) verwendet eine interaktive Karte mit nummerierten Schauplätzen und deutschen Beschriftungen, die russische Vormarschgebiete in Rottönen markiert. Die New York Times (Slide 42) zeigt "Occupied areas", "Past advance", "Recent advance", "Ukrainian defense" und "Taken by Russians" in einer nüchtern-analytischen Darstellung. Die Komsomolskaja Prawda (Slide 43) verwendet eine ganz andere Farbgebung und Beschriftung auf Russisch, mit dem Titel "Ergebnisse der Spezialoperation" statt "Krieg" oder "Invasion".

Slide 43

Derselbe Sachverhalt - drei grundverschiedene kartographische Darstellungen, die jeweils ein anderes Narrativ transportieren. Dieses Beispiel macht die Kernthese der Kritischen Kartographie unmittelbar greifbar: Karten sind keine neutralen Fenster zur Realität, sondern konstruierte Erzählungen.

Slide 44

Slide 44 zeigt die praktische Antwort der Kritischen Kartographie auf diese Erkenntnis: Counter Mapping. Das Kollektiv orangotango (orangotango.info) nutzt Karten als Werkzeug, um marginalisierte Perspektiven sichtbar zu machen. Statt die Definitionsmacht über den Raum den etablierten Institutionen zu überlassen, erstellen Gemeinschaften ihre eigenen Karten, die ihre Lebensrealität abbilden - einschließlich informeller Siedlungen, indigener Landnutzung oder ökologischer Konflikte, die in offiziellen Karten nicht vorkommen. Kritisches Kartieren wird dabei als spielerisches Werkzeug verstanden, um gemeinsam einen Blick auf räumliche Strukturen und Prozesse zu werfen, Macht- und Herrschaftsverhältnisse zu hinterfragen und Perspektiven für emanzipatorische Ansätze zu entwickeln.


Projektionen und Weltbilder

Dass Karten Weltbilder transportieren, zeigt sich besonders deutlich bei Kartenprojektionen. Die Wahl der Projektion ist keine rein technische Entscheidung - sie hat politische und kulturelle Implikationen.

Slide 45

Slide 45 zeigt die Hobo-Dyer Equal Area Projection - eine flächentreue Projektion, die den Süden nach oben orientiert. Dieses bewusste Umdrehen der gewohnten Kartenorientierung (Norden oben) macht sichtbar, wie sehr unsere "normale" Weltsicht eine Konvention ist. Es gibt keinen physikalischen Grund, warum Norden oben sein muss. Die Hobo-Dyer-Projektion wurde gezielt als Gegenentwurf zur eurozentrisch dominierten Kartographie entwickelt und zeigt Australien und den Pazifik in der Mitte der Karte statt am Rand.

Slide 46

Slide 46 stellt zwei bekannte Projektionen gegenüber: die Gall-Peters-Projektion (flächentreu) und die Mercator-Projektion (winkeltreu). Die Gall-Peters-Projektion bewahrt die relativen Flächenverhältnisse korrekt - Afrika erscheint tatsächlich 14-mal so groß wie Grönland, was der Realität entspricht. Dafür werden die Formen verzerrt: Die Kontinente erscheinen in die Länge gezogen. Die Mercator-Projektion bewahrt dagegen die Winkel korrekt (wichtig für die Navigation), verzerrt aber die Flächen massiv in Polnähe. Grönland wirkt so groß wie Afrika, Europa erscheint überproportional groß.

Unter beiden Projektionen ist die Tissotsche Indikatrix abgebildet - ein Raster aus Kreisen, die zeigen, wie die Projektion an verschiedenen Stellen verzerrt. Bei der Gall-Peters-Projektion bleiben die Kreisflächen gleich groß (flächentreu), aber sie werden zu Ellipsen verformt. Bei der Mercator-Projektion bleiben die Kreise kreisrund (winkeltreu), aber sie werden zu den Polen hin immer größer.

Slide 47

Slide 47 vergleicht die Gall-Peters-Projektion mit der Equal Earth Projektion - einer modernen flächentreuen Projektion, die 2018 von Bojan Savric, Tom Patterson und Bernhard Jenny vorgestellt wurde. Die Equal Earth Projektion ist ebenfalls flächentreu, sieht aber deutlich "gefälliger" aus als die Gall-Peters-Projektion, weil sie die Formverzerrungen besser minimiert. Die Tissotsche Indikatrix zeigt bei beiden Projektionen gleich große Kreisflächen, aber die Equal Earth Projektion hält die Ellipsen näher an der Kreisform. Sie gilt als zeitgemäße Alternative, die sowohl kartographisch korrekt als auch ästhetisch ansprechend ist.

Slide 48

Slide 48 zeigt ein weiteres Phänomen, das die Kritische Kartographie beschäftigt: die Demokratisierung durch das "Mitmach-Web". Plattformen wie OpenStreetMap und Bing Maps ermöglichen es jedermann, Karten zu erstellen und zu bearbeiten. Das Beispiel zeigt einen Vergleich: oben ein Satellitenbild und eine OpenStreetMap-Darstellung, unten ein Bing-Maps-Luftbild und eine weitere kartographische Darstellung desselben Gebiets. Die Qualität und Detailtreue der nutzergenerierten Karten kann dabei erstaunlich hoch sein, besonders in gut kartierten Gebieten. In weniger kartierten Regionen (etwa in Teilen Afrikas oder Asiens) bleibt die Abdeckung dagegen lückenhaft - was wiederum ein Weltbild reproduziert: Die Gebiete, die am besten kartiert sind, sind jene, in denen die meisten Mapper leben.


Kartographie als Sozialwissenschaft

Nach der Auseinandersetzung mit konkreten Beispielen fasst dieser Abschnitt die theoretischen Grundlagen der Kritischen Kartographie zusammen und ordnet sie als eigenständiges Paradigma ein. Das ist besonders prüfungsrelevant, weil die Altfrage nach den Unterschieden zwischen den Paradigmen genau diese Zusammenfassung verlangt.

Slide 49

Slide 49 formuliert die zentralen Thesen. Karten sind keine objektiven Abbilder der Realität, sondern immer auch Spiegelbild der jeweils gültigen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und Machtstrukturen, die durch Karten reproduziert werden. Im Zentrum dieses Paradigmas steht nicht der Kartenleser (wie im Kommunikationsmodell) und nicht die Karte selbst, sondern die Gesellschaft.

Das Ziel der Kritischen Kartographie hat zwei Dimensionen. Die theoretische Dimension besteht im Aufdecken der impliziten Bedeutungen einer Karte, also dem Lesen "zwischen den Zeilen". Welche Annahmen stecken in der Wahl der Projektion? Welche Gebiete werden betont, welche marginalisiert? Wer hat die Karte in Auftrag gegeben und warum? Die praktische Dimension ist das Counter Mapping - das Erstellen alternativer Kartenentwürfe, die dominante Narrationen aufbrechen.

Die philosophische Prämisse lautet: Wir konstruieren unsere Welt, die "objektive Realität" ist uns nicht zugänglich. Folglich kann es keine objektiv "richtigen" Karten geben. Diese konstruktivistische Position hat allerdings auch Kritiker. Der Haupteinwand ist die Gefahr der postmodernen Beliebigkeit: Wenn es keine objektive Realität gibt, geht auch der Bewertungsmaßstab zur qualitativen Beurteilung von Karten verloren. Forschung zum Beitrag von Karten in der Konstruktion einer "adäquaten" Sicht der Welt wird obsolet. Nur weil in jedem menschlichen Artefakt der kulturelle Kontext mitschwingt, darf man - so die Gegenkritik - nicht die praktischen Auswirkungen der Gestaltung dieses Artefaktes ignorieren.

Slide 50

Slide 50 zeigt ein historisches Beispiel, das die Brücke zwischen Kartographie als Sozialwissenschaft und als Analysewerkzeug schlägt: die Cholera Map of the Metropolis von 1849, erstellt vom General Board of Health in London. Die Karte visualisiert die Cholera-Mortalität entlang der Themse. Die blauen Flächen markieren Gebiete mit hoher Sterblichkeit. Diese Karte war ein Instrument der öffentlichen Gesundheitspolitik und zeigt, wie Karten immer in institutionelle und politische Kontexte eingebettet sind.

Slide 51

Slide 51 zeigt die berühmte Karte von John Snow (1854), die häufig als Geburtsstunde der Epidemiologie und der räumlichen Analyse gilt. Snow kartierte die Cholera-Todesfälle rund um die Broad Street in Soho und konnte so eine kontaminierte Wasserpumpe als Infektionsquelle identifizieren. Diese Karte ist ein Paradebeispiel dafür, wie kartographische Darstellung neues Wissen generieren kann - sie diente nicht nur der Kommunikation bekannter Fakten, sondern der Entdeckung unbekannter Zusammenhänge. Damit weist sie bereits auf das nächste Paradigma voraus: die Geovisualisierung.


Geovisualisierung und Geovisual Analytics

Das dritte große Paradigma entstand ab den 1990er Jahren und versteht die Karte nicht mehr primär als Kommunikationsmittel (wie im Kolacny-Modell) und auch nicht primär als Machtinstrument (wie in der Kritischen Kartographie), sondern als Hypothesengenerator - als Werkzeug zur Entdeckung neuer Erkenntnisse. Dieser Paradigmenwechsel ist prüfungsrelevant und muss klar von den beiden anderen Paradigmen abgegrenzt werden können.

Slide 52

Slide 52 zeigt den Grundgedanken der Geovisualisierung als Kreislauf. Ein unbekannter physischer, sozialer oder ökonomischer Prozess verursacht ein räumliches Muster, das in der Karte sichtbar wird. Dieses Muster löst beim Betrachter Ideen und Hypothesen zu den dahinterstehenden Zusammenhängen aus. Diese Hypothesen führen zu weiterer Untersuchung und Hypothesentests auf kausaler Ebene, was schließlich zu neuem Wissen führt.

Der entscheidende Unterschied zum Kommunikationsmodell: Im Kommunikationsmodell weiß der Kartograph bereits, was er vermitteln will, und gestaltet die Karte so, dass der Kartenleser die Botschaft möglichst einfach und richtig aufnimmt. In der Geovisualisierung ist das Ziel ein anderes - hier soll die Karte dem Betrachter ermöglichen, selbst Muster zu entdecken, die vorher niemand kannte. Die Karte wird vom Endprodukt zum Forschungsinstrument.

Slide 53

Slide 53 zeigt Alan MacEachren's Cartography Cube (1994), ein dreidimensionales Modell, das die verschiedenen Nutzungsweisen von Karten systematisch einordnet. Der Würfel hat drei Achsen:

Die Achse task (Aufgabe) reicht von "presenting knowns" (Bekanntes präsentieren) bis "revealing unknowns" (Unbekanntes entdecken). Am einen Ende steht die klassische Kartographie als Kommunikation, am anderen die Geovisualisierung als Exploration.

Die Achse users (Nutzer) reicht von "public" (öffentlich) bis "private" (privat). Öffentliche Nutzung meint Karten für ein breites Publikum, private Nutzung meint den Wissenschaftler, der mit einer Karte im stillen Kämmerlein arbeitet.

Die Achse human-map interaction (Mensch-Karte-Interaktion) reicht von "low" (niedrig) bis "high" (hoch). Eine gedruckte Karte hat niedrige Interaktion, ein interaktives GIS-Dashboard hat hohe Interaktion.

Aus dem Würfel ergeben sich zwei Extrempositionen: In einer Ecke liegt die Kommunikation - Bekanntes wird für ein breites Publikum mit geringer Interaktion präsentiert (klassische gedruckte Karte). In der gegenüberliegenden Ecke liegt die Visualisierung/Exploration - Unbekanntes wird von einem einzelnen Forscher mit hoher Interaktion erkundet (interaktive Datenvisualisierung). Die Konsequenz: Es gibt nicht "die eine optimale Karte", sondern viele alternative Sichten. Ein Explorationslabor bietet dynamisch miteinander verbundene Sichten auf räumliche Daten.

Slide 54

Slide 54 zeigt ein konkretes Beispiel für Geovisualisierung in der Praxis: eine interaktive Analyse von Radunfällen. Links eine Karte mit roten Punkten, die 3044 Unfälle räumlich verorten (davon 457, also 15%, schwer). Rechts daneben verschiedene statistische Visualisierungen: Unfallgegner (Balkendiagramm), Alkoholbeteiligung (Kreisdiagramm), Geschlechterverteilung (Kreisdiagramm), Verletzungsgrad (gestapeltes Balkendiagramm) und zeitlicher Verlauf nach Alter und Geschlecht (Histogramm). Diese Kombination aus Karte und statistischen Grafiken erlaubt es dem Nutzer, Muster zu entdecken - etwa ob Unfälle in bestimmten Gebieten häufiger auftreten, ob Alkohol eine Rolle spielt oder ob bestimmte Altersgruppen besonders betroffen sind.

Slide 55

Slide 55 führt den Begriff Geovisual Analytics ein, eine Weiterentwicklung der Geovisualisierung ab etwa 2005. Der Unterschied liegt in drei Aspekten: Erstens wird die zeitliche Komponente besonders berücksichtigt - Daten werden nicht nur räumlich, sondern auch in ihrem zeitlichen Verlauf analysiert. Zweitens geht es um die Untersuchung extrem großer und heterogener Datensätze - etwa Social-Media-Daten, Mobilfunkdaten oder Sensordaten. Drittens werden automatisierte Verfahren (Algorithmen, maschinelles Lernen) mit der visuellen Kognition des Menschen kombiniert. Der Computer findet Muster in Big Data, der Mensch interpretiert und bewertet sie visuell.

Slide 56

Slide 56 zeigt ein Forschungsbeispiel: eine Visual-Analytics-Anwendung zur Analyse von spatio-temporaler urbaner Mobilität aus Mobilfunkdaten (Sagl, Loidl & Beinat, 2012). Oben sieht man dreidimensionale Visualisierungen des Datenvolumens über drei Tage (22.-24. Juli), wobei die Höhe die Anzahl der Anrufe pro Tag repräsentiert. In der Mitte zeigt ein "Spatial Context" die räumliche Verteilung der Mobilfunkaktivität. Unten ist das Analyse-Interface mit Tabellen, Zeitreihen und Filteroptionen zu sehen. Diese Art der Analyse wäre mit statischen Karten unmöglich - sie erfordert interaktive, dynamische Visualisierungen, die verschiedene Perspektiven auf denselben Datensatz ermöglichen.


WebKarten als Interaktionsschnittstelle

Der letzte Themenblock dieser Vorlesung zeigt, wohin sich die Kartographie im 21. Jahrhundert entwickelt: Karten werden zu Interaktionsschnittstellen (Interfaces), die den Alltag durchdringen und weit über die klassische Kartographie hinausgehen.

Slide 57

Slide 57 zeigt ein Beispiel, das jeder kennt: die Hotelsuche in Salzburg. Links eine Liste von Hotels mit Preisen und Bewertungen, rechts eine interaktive Google-Maps-Karte mit Standortmarkierungen. Die Karte dient hier nicht der Vermittlung geographischen Wissens, sondern als Entscheidungsschnittstelle - sie hilft dem Nutzer, ein Hotel in der gewünschten Lage zu finden. Die Karte ist ein integraler Bestandteil eines größeren User-Interface-Designs.

Slide 58

Slide 58 zeigt die Locustream Soundmap - ein Projekt von Locus Sonus, einer Forschungsgruppe der Ecole Superieure d'Art d'Aix-en-Provence. Weltweit sind "Open Microphones" aufgestellt, die permanent lokale Klanglandschaften (Soundscapes) streamen. Die Karte dient als Zugangsportal: Man klickt auf ein Mikrofon-Symbol irgendwo auf der Weltkarte und hört live, wie es dort gerade klingt. Hier wird die Karte zur Schnittstelle zwischen dem physischen Raum (Sound) und dem digitalen Raum (Streaming). Die Karte vermittelt nicht Information über den Raum, sondern sie verbindet den Nutzer mit dem Raum.

Slide 59

Slide 59 zeigt den Mängelmelder (mängelmelder.de) - eine Plattform für Bürger-Partizipation. Bürger können auf einer Karte Mängel im öffentlichen Raum melden: defekte Straßenlaternen, Schlaglöcher, illegale Müllablagerungen. Die Karte wird hier zum Werkzeug demokratischer Teilhabe - jeder kann seinen Lebensraum aktiv mitgestalten, indem er Probleme räumlich verortet und meldet. Das ist eine direkte Umsetzung des Counter-Mapping-Gedankens der Kritischen Kartographie, allerdings in einem institutionellen Rahmen.

Slide 60

Slide 60 zeigt das Projekt lila4green (lila4green.at) - ein Augmented-Reality-Projekt, bei dem digitale Informationen über die reale Umgebung gelegt werden. Man sieht eine Straßenansicht auf einem Smartphone, auf die gelbe Markierungen projiziert werden. Die Karte verschmilzt hier mit der physischen Umgebung - sie ist nicht mehr ein separates Medium, das man konsultiert, sondern eine Schicht über der Realität.

Slide 61

Slide 61 fasst den Trend zusammen: Die Karte wird zur Interaktionsschnittstelle zwischen realer und virtueller Welt. Die Bilder zeigen Augmented-Reality-Anwendungen auf Smartphones, bei denen digitale Objekte in die reale Umgebung eingeblendet werden. Für die Kartographie ergeben sich daraus neue Herausforderungen: Kartographie wird Teil eines umfassenden Schnittstellendesigns (Interface Design). Es reicht nicht mehr, eine schöne Karte zu gestalten - man muss verstehen, wie Karten in komplexe digitale Systeme eingebettet werden.

Slide 62

Slide 62 schließt die Vorlesung mit einer modernen Definition von Kartographie ab. Alan MacEachren und Menno-Jan Kraak schrieben 2001: "Modern cartography, thus, deals with a complex process of geospatial information organization, access, display, and use - with 'maps' no longer conceived of as simply graphic representations of geographical space, but as dynamic portals to interconnected, distributed, geospatial data resources." Karten sind also keine statischen Bilder mehr, sondern dynamische Portale zu vernetzten, verteilten, georäumlichen Datenressourcen. Diese Definition vereint alle drei Paradigmen: Die Kommunikationsfunktion (organization, display), die kritische Reflexion (der Plural "maps" verweist auf multiple Perspektiven) und die Visualisierungsfunktion (access, use).


Zusammenfassung: Die drei Paradigmen im Vergleich

Für die Prüfung ist die klare Abgrenzung der drei Paradigmen essenziell. Hier die Unterschiede auf den Punkt gebracht:

Kartographie als Kommunikationssystem (ab 1969, Kolacny): Im Zentrum steht der Kartenleser. Die Karte ist ein Kommunikationsmedium zwischen Kartograph und Leser. Ziel ist die möglichst effektive Vermittlung einer bekannten Botschaft. Die Forschung konzentriert sich auf Wahrnehmungspsychologie und optimale Zeichengestaltung. Kritik: Nicht für alle Anwendungen geeignet, setzt voraus, dass die Botschaft bereits bekannt ist.

Kritische Kartographie / Kartographie als Sozialwissenschaft (ab 1986, Wood & Fels, Harley): Im Zentrum steht die Gesellschaft. Karten sind keine objektiven Abbilder, sondern Produkte gesellschaftlicher Machtverhältnisse. Ziel ist das Aufdecken impliziter Bedeutungen (theoretisch) und das Erstellen alternativer Kartenentwürfe (praktisch, Counter Mapping). Die Forschung konzentriert sich auf Dekonstruktion, Diskursanalyse und emanzipatorische Kartographie. Kritik: Gefahr der postmodernen Beliebigkeit, Verlust von Bewertungsmaßstäben.

Geovisualisierung (ab 1990er, MacEachren): Im Zentrum steht die Karte als Forschungsinstrument. Die Karte dient der Entdeckung unbekannter Muster und der Generierung von Hypothesen. Ziel ist die explorative Analyse räumlicher Daten. Die Forschung konzentriert sich auf interaktive Visualisierung, Visual Analytics und die Kombination von menschlicher Kognition mit automatisierten Verfahren. Weiterentwicklung zu Geovisual Analytics (ab 2005) mit Fokus auf Big Data und zeitliche Analyse.

Die drei Paradigmen schließen einander nicht aus, sondern ergänzen sich. Eine einzelne Karte kann gleichzeitig kommunizieren (Paradigma 1), bestimmte Machtverhältnisse reproduzieren (Paradigma 2) und als Ausgangspunkt für neue Entdeckungen dienen (Paradigma 3). Die Paradigmen beschreiben unterschiedliche Linsen, durch die man Kartographie betrachten kann.