L1: Einführung, Definition Karte, Kartographische Paradigmen I - Skript¶
Warum Kartographie?¶
Die Vorlesung beginnt mit einer provokanten Gegenüberstellung. Auf Slide 2 sieht man links eine Tabelle mit mittleren Jänner-Temperaturen an 7469 Klimastationen weltweit - ein Auszug aus einem riesigen Datensatz mit Stationsnamen, Koordinaten und Temperaturwerten. Rechts daneben eine kleine Weltkarte mit denselben Daten, farblich codiert.
Der Unterschied ist frappierend. Die Tabelle ist präzise, aber unlesbar - niemand erkennt auf einen Blick, wo es kalt und wo es warm ist. Die Karte hingegen macht das Muster sofort sichtbar: Die Tropen sind warm, die Pole kalt, und die Übergänge verlaufen gradientenartig. Genau das ist der Kern der Kartographie: geographische Information so darzustellen, dass sie intuitiv, richtig und schnell erfasst werden kann.
Slide 3 zeigt dieselben Temperaturdaten als vollwertige thematische Weltkarte mit Legende. Daneben steht ein Porträt von Waldo Tobler (1930-2018) und sein berühmtes Erstes Gesetz der Geographie (Tobler's First Law of Geography): "Everything is related to everything else, but near things are more related than distant things." Alles hängt mit allem zusammen, aber nahe Dinge hängen stärker zusammen als entfernte. Dieses Prinzip ist fundamental für die gesamte Geoinformatik und Kartographie, denn es erklärt, warum räumliche Darstellungen überhaupt sinnvoll sind. Wenn die Temperatur in Salzburg 20 Grad beträgt, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sie in Linz ähnlich ist - aber nicht in Moskau. Karten machen genau diese räumlichen Zusammenhänge sichtbar.
Definition Karte¶
Karten gibt es schon länger¶
Bevor wir definieren, was eine Karte ist, lohnt sich ein Blick in die Geschichte. Slide 6 zeigt eine der ältesten Karten der Welt: eine Tontafel aus der antiken Stadt Nuzi im Königreich Arrapha, südwestlich von Kirkuk im heutigen Irak. Sie ist nur 7,6 x 6,8 cm groß und wird auf ca. 2300-2500 v. Chr. datiert. Man erkennt darauf Grundstücksgrenzen und geographische Merkmale - die Grundfunktion einer Karte, nämlich räumliche Verhältnisse festzuhalten, ist also mindestens viereinhalb Jahrtausende alt.
Was versteht man unter "Karte"?¶
Slide 7 stellt die Frage direkt: "Was versteht man unter Karte?" Die Antwort darauf ist weniger trivial, als man denken würde, denn der Kartenbegriff hat sich über die Jahrhunderte erheblich gewandelt. In der Vorlesung werden drei zentrale Definitionen vorgestellt.
Definition nach Eduard Imhof (1950)¶
Die erste und älteste stammt von Eduard Imhof (1895-1986), einem Schweizer Kartographen, der für seine meisterhaften Gebirgsdarstellungen bekannt ist. Auf Slide 8 sieht man links sein Porträt und rechts eine seiner berühmten Zeichnungen: den Mount Everest im Maßstab 1:100 000, erschienen im Schweizer Mittelschulatlas (Ausgaben 1962-1976). Imhof war ein Meister der KI-Schummerung (Kartographische Illumination), also der Geländeschummerung, die Bergen auf Karten ihre plastische Wirkung verleiht.
Seine Definition lautet: "Karten sind verkleinerte, vereinfachte, inhaltlich ergänzte und erläuterte Grundrissbilder der Erdoberfläche oder Teilen davon." Diese Definition betont vier Eigenschaften: Verkleinerung (Maßstab), Vereinfachung (Generalisierung), inhaltliche Ergänzung (Symbole, Beschriftungen, die im Gelände nicht sichtbar sind) und die Grundrissdarstellung (Vogelperspektive senkrecht von oben).
Karte vs. Luftbild - die Frage der Abstraktion¶
Um Imhofs Definition zu verstehen, hilft ein Vergleich zwischen Karte und Luftbild. Slides 9 bis 12 zeigen diese Gegenüberstellung eindrücklich.
Auf Slide 9 sieht man die Universität Salzburg (Naturwissenschaftliche Fakultät) in zwei Darstellungen: oben ein Satellitenbild von Google und unten eine Kartenansicht. Das Satellitenbild zeigt die Realität fotografisch - man sieht Dächer, Schatten, Bäume, Parkplätze. Die Karte hingegen ist eine Abstraktion: Gebäude sind als Grundrisse dargestellt, Straßen als Linien, Beschriftungen wurden hinzugefügt. Die Karte enthält Information, die im Bild nicht sichtbar ist (Straßennamen, Gebäudebezeichnungen), lässt dafür aber fotografische Details weg.
Slide 10 und 11 vertiefen diesen Vergleich auf einer anderen Maßstabsebene. Man sieht einen Ort mit einem REWE-Supermarkt - einmal als Kartenansicht, einmal als Luftbild. Im Luftbild auf Slide 11 erkennt man sogar einen Text auf einem Feld: "Willst du mich heiraten?" - ein Detail, das eine Karte niemals zeigen würde, weil es für die räumliche Orientierung irrelevant ist. Genau das meint Imhof mit "vereinfacht" und "inhaltlich ergänzt": Die Karte wählt aus, was dargestellt wird, und fügt abstrakte Information hinzu.
Slide 12 zeigt den Maßstabseffekt noch deutlicher: Oben ein hochaufgelöstes Luftbild einer Berglandschaft, unten dieselbe Region als kleinmaßstäbige Straßenkarte mit Ortsnamen wie Salzburg, Berchtesgaden und Hallstatt. Beim Wechsel vom großen zum kleinen Maßstab verschwinden Details, und die Karte muss stärker generalisieren.
Definition der ICA (1996)¶
Die zweite Definition stammt von der International Cartographic Association (ICA, Internationale Kartographische Vereinigung) aus dem Jahr 1996 und ist deutlich umfassender.
Auf Slide 13 werden beide Definitionen nebeneinandergestellt. Die ICA definiert: "A map is a symbolized image of geographical reality, representing selected features or characteristics, resulting from the creative effort of its author's execution of choices, and is designed for use when spatial relationships are of primary relevance."
Diese Definition enthält mehrere wichtige Aspekte, die über Imhof hinausgehen. Erstens: Die Karte ist ein symbolisiertes Bild (symbolized image) - sie verwendet Symbole, nicht fotografische Abbildungen. Zweitens: Sie zeigt ausgewählte Merkmale (selected features) - die Selektion ist ein bewusster Akt. Drittens: Sie ist das Ergebnis einer kreativen Leistung (creative effort) des Autors - Kartographie ist also nicht rein technisch, sondern enthält gestalterische Entscheidungen. Viertens: Sie ist für den Gebrauch gedacht, wenn räumliche Beziehungen (spatial relationships) im Vordergrund stehen.
Slide 14 illustriert den Aspekt der "creative effort" mit einem Portolan-Atlas von 1546. Portolankarten waren Seekarten des Mittelalters und der frühen Neuzeit, die Küstenlinien und Hafenorte detailliert darstellten. Sie zeigen eindrücklich, wie sehr die Gestaltung einer Karte von den Entscheidungen ihres Autors abhängt - welche Küstenabschnitte betont werden, welche Ortsnamen erscheinen, wie die Windrose positioniert wird.
Die Ebstorfer Weltkarte - eine Karte?¶
Ein besonders interessantes Beispiel zeigt Slide 15: die Ebstorfer Weltkarte aus ca. 1290 n. Chr. Mit 350 x 350 cm ist sie eine der größten erhaltenen mittelalterlichen Weltkarten (Mappae Mundi). Sie ist geostet (Osten ist oben), zeigt Jerusalem im Zentrum und den Körper Christi als Rahmen. Ist das eine Karte im modernen Sinn? Nach Imhofs Definition nur eingeschränkt, denn sie ist kein maßstabsgetreues Grundrissbild. Nach der ICA-Definition und besonders nach Harley und Woodward hingegen durchaus, denn sie vermittelt ein räumliches Verständnis der damaligen Welt - wenn auch ein theologisch geprägtes.
Karten als Suchwerkzeug¶
Slide 16 zeigt eine zeitgenössische Anwendung: die Suche nach Pizzerien in Salzburg auf einer Online-Plattform. Auch das ist eine Karte - mit Standortmarkierungen, Bewertungen und räumlicher Zuordnung. Karten sind heute allgegenwärtige Suchwerkzeuge, die wir täglich nutzen, ohne bewusst an Kartographie zu denken.
Persuasive Maps - Karten als Überzeugungsmittel¶
Karten sind nie neutral. Diese Einsicht wird auf Slides 17 und 18 besonders deutlich gemacht.
Slide 17 zeigt die Jack-o-lantern Map aus Denis Woods Buch "Dancing and Singing: A Narrative Atlas of Boylan Heights". Auf schwarzem Hintergrund leuchten Halloween-Kürbisse an den Positionen der Veranden, auf denen sie stehen - "indicates a porch with one or more pumpkins". Das ist eine persuasive Karte (Persuasive Map), also eine Karte, die überzeugen, eine Stimmung erzeugen oder ein Narrativ transportieren will.
Slide 18 zeigt ein politisch brisanteres Beispiel: eine Karte, die Russland in leuchtend Rot und die Ukraine als kleinen grünen Fleck daneben darstellt. Durch die Wahl der Mercator-Projektion (die Flächen nahe den Polen vergrößert) und der Farben wird Russland optisch dominant und die Ukraine verschwindend klein. Das ist kartographische Manipulation - dieselben Länder in einer flächentreuen Projektion sähen ganz anders aus.
Slide 19 zeigt eine korrektere Darstellung derselben Region: Russland und die Ukraine in einer weniger verzerrenden Projektion, in neutralen Farben und mit Ländergrenzen. Der Vergleich macht deutlich, wie stark kartographische Gestaltungsentscheidungen - Projektion, Farbwahl, Ausschnitt - die Wahrnehmung beeinflussen.
Definition nach Harley und Woodward (1987)¶
Die dritte Definition wird auf Slide 20 vorgestellt. J.B. Harley und D. Woodward formulierten 1987 die weiteste der drei Definitionen: "Karten sind grafische Darstellungen, die ein räumliches Verständnis von Dingen, Konzepten, Bedingungen, Prozessen oder Ereignissen in der Welt erleichtern."
Diese Definition ist bewusst offen gehalten. Sie verzichtet auf Einschränkungen wie "Grundrissbilder" oder "Erdoberfläche" und umfasst damit auch mentale Karten, schematische Darstellungen und sogar die Ebstorfer Weltkarte. Der Fokus liegt auf der Funktion: Eine Karte ist alles, was räumliches Verständnis fördert. Diese Offenheit spiegelt den Paradigmenwechsel wider, der in den Clustern 4 und 5 thematisiert wird.
Topographische vs. Thematische Karte¶
Nachdem geklärt ist, was eine Karte grundsätzlich ist, unterscheidet die Vorlesung zwei fundamentale Kartentypen. Diese Unterscheidung ist für die gesamte weitere Vorlesung zentral.
Topographische Karten¶
Slide 21 definiert topographische Karten nach Hake (2002): Sie geben "alle für die Orientierung und Tätigkeit des Menschen im Gelände notwendigen Gegebenheiten der Erdoberfläche entsprechend dem Kartenmaßstab vollständig und richtig wieder." Siedlungen, Verkehrswege, Grenzen, Gewässer, Bodenbedeckung und Reliefformen bilden den Hauptinhalt. Das entscheidende Wort ist "vollständig" - topographische Karten versuchen, die Erdoberfläche möglichst umfassend abzubilden, ohne ein bestimmtes Thema in den Vordergrund zu stellen. Sie sind mehrzweckorientiert und dienen der allgemeinen Orientierung.
Thematische Karten¶
Thematische Karten dagegen "enthalten vorwiegend Erscheinungen oder Vorkommnisse nicht topographischer Art, welche jedoch mit der Erdoberfläche in Verbindung stehen." Es handelt sich um Dinge mit georäumlicher Lage, Verbreitung oder Bewegung - sowohl reale Dinge als auch Beziehungen, Funktionen, Hypothesen, geistige Vorstellungen, Möglichkeiten und Projekte (nach GITTA, 2006). Der Unterschied: Eine thematische Karte hebt ein spezifisches Thema hervor und reduziert die topographische Grundlage auf das Nötigste.
Slide 22 zeigt den Unterschied visuell. Links eine topographische Karte der Region Luzern (Schweiz) - mit Höhenlinien, Straßen, Siedlungen, Gewässern und Waldgebieten, alles gleichwertig dargestellt. Rechts eine thematische Karte aus dem Atlas der Schweiz, die ein spezifisches Thema (vermutlich Bevölkerungsdichte oder ein klimatisches Phänomen) farblich codiert darstellt. Die topographische Grundlage ist auf ein Minimum reduziert, damit das Thema im Vordergrund steht.
Definition Thematische Kartographie¶
Slide 23 liefert die formale Definition der thematischen Kartographie nach Erik Arnberger (1997): "Unter thematischer Kartographie versteht man die Kartographie jener Karten und anderen kartographischen Ausdrucksformen, welche auf einer inhaltlich entsprechend reduzierten und überarbeiteten topographischen Grundlage spezielle Themen zum Ausdruck bringt, die auf einen ganz bestimmten Aussagezweck abgestimmt sind." Die Betonung liegt hier auf drei Aspekten: die topographische Grundlage wird bewusst reduziert, es gibt ein spezielles Thema, und die Darstellung ist auf einen bestimmten Zweck ausgerichtet.
Mercators Weltkarte¶
Slide 24 zeigt ein historisches Meisterwerk: Gerhardus Mercators winkeltreue Weltkarte von 1569. Mercator entwickelte seine berühmte Zylinderprojektion (Mercator-Projektion), die alle Winkel korrekt abbildet und damit besonders für die Seenavigation geeignet ist. Die Kehrseite: Flächen werden zu den Polen hin massiv verzerrt, was zu dem oft kritisierten Effekt führt, dass Grönland so groß wie Afrika erscheint. Mercators Karte steht an der Schwelle zwischen topographischer Dokumentation und thematischer Darstellung - sie wurde für den spezifischen Zweck der Navigation geschaffen.
Kartographie als Formalwissenschaft¶
Ab Slide 25 wechselt die Vorlesung von der Frage "Was ist eine Karte?" zur Frage "Was ist Kartographie als Wissenschaft?" Hier beginnen die kartographischen Paradigmen - ein Thema, das in der Prüfung vorkommt. Altfrage 1 fragt explizit nach dem Unterschied zwischen den Paradigmen "Kritische Kartographie", "Geovisualisierung" und "Kartographie als Kommunikationssystem". In L1 werden die ersten zwei Paradigmen behandelt: Kartographie als Formalwissenschaft und als Kommunikationswissenschaft. Die weiteren Paradigmen folgen in L2.
Slide 25 zeigt als Überleitung historische Kartensammlungen online: die David Rumsey Map Collection und Old Maps Online. Diese Quellen illustrieren, dass Kartographie eine lange Geschichte hat, die weit vor der wissenschaftlichen Systematisierung begann.
Historische Entwicklung¶
Slide 26 markiert den Übergang: "Kartographie als Wissenschaft". Die Wissenschaftlichkeit der Kartographie musste erst erkämpft werden.
Slide 27 skizziert die historische Entwicklung. Die Ursprünge der Projektionslehre liegen bei Ptolemäus im 2. Jahrhundert n. Chr., der bereits verschiedene Kartenprojektionen beschrieb. In der Renaissance wurde die Projektionslehre wieder aufgegriffen, aber primär als Teilgebiet der Mathematik behandelt, nicht als eigenständige Disziplin. Im 18. Jahrhundert kamen wichtige Impulse aus dem Militär: Für strategische Zwecke brauchte man präzise topographische Karten, und das Problem der Geländedarstellung (wie bildet man Berge und Täler auf Papier ab?) trieb die kartographische Methodik voran.
Den entscheidenden Schritt zur eigenständigen Wissenschaft machten zwei Autoren: Karl Peucker mit "Schattenplastik und Farbenplastik" (1898) und Max Eckert mit "Die Kartenwissenschaft" (Band I 1921, Band II 1925). Diese Werke begründeten die Kartographie als eigene Wissenschaftsdisziplin (Scientific Discipline), losgelöst von Geographie, Mathematik und Militärwesen.
Slide 28 zeigt Eckerts Hauptwerk "Die Kartenwissenschaft - Forschungen und Grundlagen zu einer Kartographie als Wissenschaft" mit einem Textauszug von Seite 7. Eckert beschreibt darin die enorme Breite der Kartographie: "Was alles übersetzen wir in die kartographischen Linien und Zeichen! Neben den Formen der Oberfläche, den Siedlungen und Verkehrswegen die Wärme, die Temperatur, den Sonnenschein, den Niederschlag, die Ernte, die industrielle Betätigung, die Volks- und Tierdichte, den Schädelindex, die Körpergröße, die Geburt, die Krankheit, den Tod und unendlich vieles andre mehr." Dieses Zitat verdeutlicht den Anspruch der Kartographie als Formalwissenschaft: Sie will alles, was sich räumlich verorten lässt, systematisch darstellen können.
Das formalwissenschaftliche Paradigma¶
Slide 29 fasst das formalwissenschaftliche Paradigma zusammen. Im Kern steht das Ordnen von Prozessen und Entscheidungen bei der Kartenherstellung. Es geht um ein Regelwerk für die adäquate Darstellung, wobei die Karte als Informationsspeicher verstanden wird. Die Grafik auf Slide 29 zeigt das bildlich: Im Zentrum steht die Karte, betrachtet durch eine Lupe - der analytische, regelbasierte Blick des Kartographen auf sein Produkt.
Ziel ist der Aufbau einer Systematik der kartographischen Methodenlehre (Methodology). Erik Arnberger erklärte 1993 (S. 11): "Kartographie ist eine Formalwissenschaft." Das bedeutet: Kartographie beschäftigt sich mit den formalen Regeln der Darstellung, ähnlich wie Mathematik oder Logik formale Regeln für Schlussfolgerungen aufstellen.
Die Kritik an diesem Paradigma lautet: Es berücksichtigt den Leser zu wenig. Die Karte wird als fertiges Produkt betrachtet, aber die Frage, ob der Nutzer die Karte tatsächlich versteht, wird kaum gestellt. Das Regelwerk konzentriert sich auf die Herstellung, nicht auf die Rezeption. Diese Schwäche führte zum nächsten Paradigma.
Kartographie als Kommunikationswissenschaft¶
Der Paradigmenwechsel ab den 1960er Jahren¶
Ab Ende der 1960er Jahre setzte ein Umdenken ein. Kartographie wurde nicht mehr nur als Herstellungslehre betrachtet, sondern als Kommunikationswissenschaft (Communication Science). Die zentrale Frage verschob sich: Nicht mehr "Wie stelle ich eine Karte korrekt her?", sondern "Wie übermittle ich räumliche Information effektiv an einen Empfänger?"
Den theoretischen Rahmen lieferte das Kommunikationsmodell von Claude Shannon und Warren Weaver (1949), das ursprünglich für technische Nachrichtenübertragung entwickelt wurde. Auf Slide 30 sieht man das Modell rechts oben: Eine Quelle codiert eine Mitteilung, sendet sie über ein Sendemittel als Signal durch einen Kanal (wo Rauschen sie stört), und der Empfänger decodiert sie. In der vereinfachten Übertragung auf die menschliche Kommunikation wird daraus: Der Kartograph (Quelle) codiert räumliche Information in eine Karte (Signal), und der Leser (Empfänger) decodiert sie - wobei es zu Informationsverlusten und Missverständnissen (Rauschen) kommen kann.
Das kommunikatorientierte Modell¶
Die Weiterentwicklung führte zum kommunikatororientierten (handlungstheoretischen) Kommunikationsmodell, das auf Slide 30 unten links formuliert wird. Die Leitfrage lautet: WER sagt WAS zu WEM mit WELCHEN MITTELN und mit WELCHER WIRKUNG? Übertragen auf die Kartographie bedeutet das: Wer erstellt die Karte (Kartograph, Institution)? Was wird dargestellt (Thema, Daten)? Für wen (Zielgruppe, Vorwissen)? Mit welchen Mitteln (Symbole, Farben, Projektion)? Und welche Wirkung soll erzielt werden (Information, Überzeugung, Navigation)?
Dieses Modell ist ein deutlicher Fortschritt gegenüber dem formalwissenschaftlichen Paradigma, denn es stellt den Kommunikationsprozess ins Zentrum, nicht das Produkt. Die Karte ist kein Selbstzweck mehr, sondern ein Medium der Informationsübertragung.
Verbale vs. Grafische Kommunikation¶
Slide 31 illustriert den Unterschied zwischen verbaler und grafischer Kommunikation am Beispiel zweier räumlicher Beschreibungen. Links ein Volkslied ("Dort Saaleck, hier die Rudelsburg") aus dem Allgemeinen Deutschen Kommersbuch (S. 282), das die Lage zweier Burgen an der Saale verbal beschreibt - "zwischen Felsen durch die Auen", "zur Linken, zur Rechten". Rechts eine topographische Karte desselben Gebiets, auf der die roten Pfeile und Markierungen die genannten Orte räumlich verorten. Beide Kommunikationsformen - Lied und Karte - beschreiben denselben Raum, aber auf fundamental unterschiedliche Weise. Die verbale Beschreibung ist sequentiell (man liest Zeile für Zeile), die grafische Darstellung ist simultan (man erfasst die räumlichen Beziehungen auf einen Blick).
In der Legende auf Slide 31 ist ausdrücklich notiert: rote Markierungen zeigen "Benennung, raumbezogene Objekte, Namen raumbezogener Objekte" - also genau die Elemente, die beide Kommunikationsformen teilen, aber unterschiedlich codieren.
Karten als räumliche Erzählungen¶
Slide 32 zeigt ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie Karten als räumliche Erzählungen (Spatial Narratives) funktionieren. Die Karte zeigt vier Generationen einer Familie aus Sheffield (England) und den Bewegungsradius, den jedes Kind im Alter von acht Jahren allein zurücklegen durfte. Der Urgroßvater George durfte 1919 sechs Meilen weit allein zum Angeln gehen (bis zum Rother Valley). Der Großvater Jack durfte 1950 noch etwa eine Meile weit in den Wald. Die Mutter Vicky durfte 1979 eine halbe Meile zum Schwimmbad. Der Sohn Ed darf heute nur noch 300 Yards bis zum Ende seiner Straße.
Die konzentrischen Kreise auf der Karte werden von Generation zu Generation kleiner - ein schrumpfender Bewegungsradius, der gesellschaftlichen Wandel (Verkehr, Sicherheitsbedenken, veränderte Erziehungsstile) räumlich sichtbar macht. Das ist Kartographie als Kommunikation: Eine komplexe soziale Entwicklung wird durch die räumliche Darstellung intuitiv verständlich, emotionaler und einprägsamer als jede Statistik.
Dieses Beispiel verdeutlicht auch, warum das kommunikationswissenschaftliche Paradigma das formalwissenschaftliche ergänzt: Es geht nicht nur darum, die Kreise korrekt zu zeichnen (Formalwissenschaft), sondern darum, eine Botschaft zu vermitteln (Kommunikationswissenschaft). Die Karte erzählt eine Geschichte.
Ausblick und Prüfungsrelevanz¶
Die in L1 vorgestellten Paradigmen - Kartographie als Formalwissenschaft und als Kommunikationswissenschaft - sind die ersten beiden von mehreren kartographischen Denkschulen. In L2 folgen weitere Paradigmen, darunter Geovisualisierung und Kritische Kartographie. Altfrage 1 der Prüfung fragt explizit nach den Unterschieden zwischen diesen Paradigmen, weshalb es wichtig ist, die Kernmerkmale jedes Paradigmas klar benennen zu können:
- Formalwissenschaft: Im Zentrum steht die Karte als Produkt. Fokus auf Regelwerke, Methodik, korrekte Herstellung. Kritik: Der Leser wird zu wenig berücksichtigt.
- Kommunikationswissenschaft: Im Zentrum steht der Kommunikationsprozess. Fokus auf Sender, Empfänger, Codierung, Wirkung. Die Karte als Medium der Informationsübertragung.
Die weiteren Paradigmen (Geovisualisierung, Kritische Kartographie) werden in L2 behandelt und vervollständigen das Bild.
Ebenfalls erwähnenswert für spätere Termine: Altfrage 5 fragt nach Skalenniveaus (Levels of Measurement) anhand von Beispielen. Dieses Thema wird in späteren Vorlesungseinheiten vertieft, aber das grundlegende Konzept - dass Daten auf unterschiedlichen Messniveaus (nominal, ordinal, intervall, rational) vorliegen und dies die kartographische Darstellung bestimmt - ist ein roter Faden durch die gesamte Vorlesung.




























